WANDLER, Zeitschrift für Literatur, No 29

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Martin von Arndt

 

Der Wüstenfahrer
Eine Gemeinheit entlang der B 28

Die Bundesstraße 28: Ulm, Blaubeuren, Urach, Metzingen, Reutlingen, Tübingen. Ulm, Blaubeuren, Urach, Metzingen: die Schwäbische Alb. Diese Strecke gleicht einer Ödnis, einer Wüstenfahrt. Wehe dem, den die Zündung hier, den die Geduld verläßt! Den das Allzumenschliche hier ankömmt! Die Strecke: eine Ödnis, eine Wüste. Eine WC-Wüste!
Es gibt Bundesstraßen, schlichte Kreisstraßen zwischen ungekannten Orten, unbedeutenden Flecken, deren Existenz nicht einmal dem Kartenkundler recht vertraut: diese Wege scheinen nur erbaut, um eine ganze Kohorte braungeschindelter Streckentoiletten wie von ungefähr in der vagen Landschaft zu verteilen. Hier aber, wo schon die natürliche Höhenlage des Gebietes nach solcher Dürfnistrutz verlangte, hier herrscht Ödnis, wilde Leere. Wüste. Von Günther will ich berichten. Günther, ein Handlungsreisender in Musikalien. Einer der unermüdlichen Pilger durch‘s Schwäbische Bergland, auch wenn er, gebürtig vom Niederrhein, noch nicht lange hier seine Mühsal gefunden.
Günther, ein umsichtiger Fahrer, ein aufrechter Kamerad. Und obwohl weitgereist, ist er ein äußerst heikler Mensch. Zum Beispiel, ich kenne ihn gut, ist es ihm unmöglich, fremde Toiletten im Stehen auch nur zu betreten. Günther uriniert nicht zwischen mümmelnden Geschlechtsgenossen in öffentlichem Raume. Und im Freien schon gar nicht. Zum mindesten nicht ohne angemessenes Laubwerk, das blöde Sicht hüben wie drüben hindert. Günther ist also wieder unterwegs, einträgliche Geschäfte im neblichten Donaustädtchen Ulm, Neu-Ulm gar, die führten ihn in den Süden. Nun ist er auf dem Rückweg begriffen. Es ist ein früher Abend im Mai. Der Himmel kennt kein Erbarmen mit der trostlosen Steppe, die Günther durchqueren muß. Und auch mit Günther kennt er kein Erbarmen. Schon bei der Auffahrt auf die Bundesstraße im Ulmer Westend war ihn das unwiderstehliche Bedürfnis angekommen. Schon hier plagten ihn Zweifel und Unmut. Jetzt, auf der regenzerfurchten Alb, war das Gefühl schon unerträglich geworden, unmöglich zu ignorieren. Günther rutscht von einer Mulde seines Sitzes in die fernere, mal tritt er dabei versehentlich das Gaspedal, mal die Kupplung. Die Zigaretten schmecken nicht mehr. Es ist Zeit. Die versprengten Wäldchen vor Urach, weiß er, sind seine letzte Chance, das Bedürfnis in freier Natur abzuschlagen. Indes hat er bereits die Keltengräber von Zainingen passiert. Und das Inkontinenzzelt über ihm gibt sich in solcher Heftigkeit in sein Schicksal, daß an ein Aussteigen nicht zu denken ist. Schon gar nicht in Frühjahrsrobe. Günther fröstelt. Schon fährt er in Urach ein. Ein Fieberschauer, und die Schmerzen erreichen einen atemraubenden Höhepunkt. Würde er also warten müssen bis zum selbstbetitelten Top-Imbiß “Brutzel-Eck” in Metzingen? Und hätte das überhaupt eine Toilette, das “Brutzel-Eck”? War das denn Vorschrift? Auch für einen Imbiß? Und in Metzingen?
Günther hat Hautsensationen. Vor ihm auf der Straße hat sich ein See gebildet. Günther achtet seiner wenig. Nur die Entfernungen, schwarz auf gelbem Grunde, nimmt er noch wahr. Und die verheißen endlich:

Metzingen 5 km

Kurz vor dem Ortsschild droht der Kollaps: Günther aber beißt sich fester auf die Lippe, aus der alles Blut, alles Leben schon gewichen ist. Ausschau halten, nur jetzt den Überblick nicht verlieren. Er glaubt, brennendes Plastik zu riechen und er betet, laß, Herr, mein rotes Auto verschmoren, aber erst, nachdem ich eine Heimstatt gefunden.
Amen.
Und da, eine Erhörung vielleicht, von ferne, von jenseits des Kleinstadtstaus: das rotgelbe Neonbranden, das Notaus - die Tankstelle. Günther biegt ein und bringt seinen Wagen zum Stehen, umsichtig wie immer, hastet dem Glashaus zu, seinem malträtierten Blasentubus endgültig Linderung und Langmut zu verschaffen.
Drin zwei wuchtige Beine, eine riesenhafte Brille, eine Schürze voll schwäbischen Urgesteins. Womöglich weiblicher Natur (das ist derzeit noch nicht bestimmbar für den armen Menschen). Günther greift zum nächstbesten Gegenstand, reicht ihn irgendwo in Richtung lang behaarter Arme, kramt die verlangten einundfuffzich Mark aus der Börse (DM 51.-, was kann das denn sein? Ein Zigarettenanzünder, goldverzinkt? Ein kunstledernes Handtaschenset mit allen Unterschriften der hiesigen Damenfußballmannschaft?) - und nun fühlt er sich, ein Kunde, und ein guter!, berechtigt, nach dem Schlüssel, für die Toilette - (decrescendo:) Sie haben doch eine Toilette? -, zu fragen. Keine Antwort. Günther sieht erstmals auf. Die riesenhafte Brille läßt zwei schwere schwarze Schlupflider stehen. Jetzt besteht kein Zweifel mehr, aber auch nicht der geringste: das Urgestein ist weiblicher Natur. Und schraubt sich vom heiseren Röcheln in den höchsten Diskant: Wohl. Rückseitig. Aber. Eigentlich. Und überhaupt: ausgerechnet! Die Toilette!

Bin ja kein Bettler, ein Landstörz bin ich nicht!
Verheere nicht euere Bauten.
Und euere Betten nicht.
Und auch nicht euerer Töchter Schar.

Doch ist es wie ein Wunder: Mit einem Mal spürt der Wüstenfahrer ein kleines Gewicht in seiner ragenden Hand, ein unscheinbares Gewicht und den Ruch von etwas Unbezahlbarem, eine schwere, feine Note, Metall, Rauchwurst und ein mehliges Mehr an menschlicher Dünstung -: Der Schlüssel. Für Günther bricht ein neues Leben an. Jetzt hat er die Zeit der Welt. Er trägt es warm in seiner Hand, das Kleinod, das kostbare, und legt es, die Türe kaum verriegelt, nieder auf das Spülbecken in seinem Rücken, nun, da es seiner Mittlerdienste ganz beraubt. Günther setzt sich und dröhnt im Bariton das Scherzo aus Dvoraks sechster Symphonie. Das Motiv, das ferne an allerliebsten Gnomentanz um rote Hydranten in Amerikas Großstädten erinnert. Er hat ja alle Zeit der Welt. Denn draußen tönt wie toll der Regen, tropft auf blechernem Dache den Rhythmus für Günthers Melodie.
Beim Presto sitzt er noch, es ist vollbracht. Mit drei Fingern der linken Hand tastet er nach dem feisten schwarzen Hebel. - Doch noch im Moment, da er hinter sich greift und die Spülung drückt, ist es ihm, als durchführe ihn ein Ruck, wie Warnung, wie Wahrsage. Und mit einem Male geht alles so schnell: die Spülung rattert, der Schlüssel fällt, mengt sich unter’s Papier und - hui! - weg ist er im Strudel, in den Fluten, zu den Ratten. Günther ist aufgefahren, sieht um sich. Und ist doch wie gelähmt. Es gelingt ihm, die nötige Kleiderordnung wiederherzustellen, aber seine Brust hebt sich und sie senkt sich kaum. Daß es keine Bedeutung habe, mahnt er sich an, das vermaledeite Ding könne unmöglich mehr als die schon vertanen DM 51.- kosten, das alles habe einfach keinerlei Bedeutung. Was aber würde diese Walküre da drinnen, dies zangengleiche Weibsbild nur dazu sagen? Wie erklären, was doch kaum hatte geschehen können? Den Schlüssel - verspült. Ich meine: hinuntergespült. In der Toilette. Passiert mir ja öfters. Und ist vollkommen, hem, normal, die Psychologie kennt das Phänomen unter dem Fachbegriff ... Einfach undenkbar! Zurück, einfach zurück zu seinem Wagen kann er auch nicht - der ist direkt unter den tellergroßen Augen geparkt.
Mit mir ist es aus!, denkt er immer und immer wieder. Alldieweil der Kannibalismus in dieser Gegend erst seit kaum viertausend Jahren weitgehend abgeschafft ist, im Hohlenstein im Lonetal, da fanden sich noch junge Spuren (vgl. Paret: Württemberg in vor- und frühgeschichtlicher Zeit, S.89).
Günther hat wieder Hautsensationen. Ganz verloren bildet er mit dem kläglichen Rest des extra festen Papiers einen schmalen weißen Schlüssel. Sogar den Führungsring, den zarten, vergißt er beim Modellieren nicht.
Die Zeit rast. Nun rast sie. Günther hat nicht die Muße, sich darob in Spekulation zu verlieren. Sie rast einfach, und er rast mit ihr.
Doch wie sagt schon der Dichterfürst, der weit nicht von hier sein Leben im Wahne beschloß (im Turme sich verschloß): “Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.” Günther sieht um sich, mehr als zwölfmal hat er es nun schon getan, und jetzt erst knüpfen in seinem Hirn Anschauung und Zweckgebung sinnreiche Banden: der Stein dort, der mächtige Pflasterstein, der die unentwegt ins Abschüssige neigende Tür für den eher unregelmäßig wiederkehrenden rumänischen Reinemachtrupp aufhalten soll - der ungeheure Stein dort birgt die Lösung!
Günther handelt entschlossen, greift ihn, entriegelt die Tür (dazu bedarf es keines Schlüssels, ein Glück, das er jedoch nicht zu gewahren imstande), tastet sich aus dem Unglückshort in den rasselnden, knasselnden Regen, dem nächstbesten, ebenfalls rückseitig gelegenen Fenster entgegen und wirft, wirft die Scheibe ein aus nächster Nähe. Günther schwindelt, aber nur für den Hauch eines Moments; dann wird innen, wie erhofft, Alarm ausgelöst, Alarm, weil es sich, wie zu erahnen, um das Fenster eines gesicherten Lagers dabei gehandelt haben mußte; die Sirene ertönt, ein munteres Quaken vielmehr, sie lenkt erfolgreich von Günther und seinem PKW ab, jetzt muß er um die Ecke hetzen, gewahrt da die Verwirrung, die er gestiftet, gewahrt die tobende und tosende Meute im Inneren der Tankstelle, in deren Mitte: die Rudelführerin, die schwäbisch gurgelnde, offensichtlich hat sie schon Witterung aufgenommen und beherzt nach einem ungeheueren Schraubenschlüssel gegriffen, während sie sich wild fuchtelnd die sie Umdrängenden vom Leibe hält. Günther hetzt weiter, er hetzt dem lieben roten Klappermobil entgegen, er hetzt und hetzt und gewahrt - daß es eingeparkt ist. Unrettbar eingeparkt. Zwischen zwei unwahrscheinlichen Tanklastzügen.
Günther schleicht sich davon. Er beschließt, einfach unterzutauchen. Rasch wächst ihm ein Oberlippenbart, der ist hier unverdächtig. Er ändert seinen Namen und betreibt seit mittlerweile vier Jahren in einem Vorort von Metzingen eine Reparaturwerkstatt für Kleinmotorengerät. Steuerbehörde und Versicherung suchen ihn vergebens. Nur manchmal, sonntags, da zieht es ihn hinaus in die Nähe der Tankstelle, da erhascht er von ganz ferne - näher heran traut er sich trotz des Bartes nicht - einen Blick auf sein Auto, das rote Farbe und Rost schon längst nicht mehr voneinander scheiden läßt. Eine kleine Stellfläche hat es da, neben dem Betriebshäuschen, unter sechs oder sieben anderen Wagen, Opfer diese wie er. Sie könnten sein Fleischer sein, sein Kurzwarenhändler oder aber der freundliche Grieche aus dem ersten Stock, der Mobiltelefone verkauft. Abgestellt und untergetaucht. Offensichtlich glaubt die Pächterin noch immer, daß wenigstens einer der Schlüsselträger einst unter großem Wetter zurückkehrt.
Dann stellt sich Günther vor, wie er dieser Säumige wäre. Kommt mit einem Nachschlüssel, ihn der längst verrunzelten, halb verflüssigten Alten zu reichen wie eine unerwartete und viel zu große Gabe; wie er sich noch eine Zeitung kaufte, zu sehen, wie die Welt draußen sich gewandelt; wie er seine Schritte zu seinem Wagen lenkte, ihn aufschlösse, wie der Motor unmittelbar zündete, ganz ohne Murren - und wie er, Günther, diese Stadt verließe, nordwärts, immer nordwärts und den spielenden Fluten des Neckarunterlaufs zu.