Wandler, Zeitschrift für Literatur, Nr.20: Frank Krieger

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Frank Krieger

Die Bekenntnisse der Dr. G.

Ich wache auf und habe eine Metapher: Ich sehe die Ziegen. Sie lümmeln sich in meinen geschwollenen Möbeln. Meine Nasen gehen. Nur Pinguine glauben heute noch an Gott. Ich habe das Gehirn. Ein Pinguin begleitet mich. Man kann die Menschen in Pinguine teilen. Die Pinguine sind die Ziegen der Antarktis. Der Wahnsinn auf dieser Welt ist das Manifest der Pinguine. Sie erwarten "die Besucher". Die Augen und die Pinguine sind überall. Ich habe eine neue Theorie: Die Augen sind die Pinguine. Es ist ein Konzept.

Am Schluss: Meine Schüler verspotten mich, nennen mich den "absoluten Pinguin an sich". Die größte Beleidigung. Ich versuche sie zu töten; erst mit Strukturalismus, später mit Konstruktivismus. Sie ernähren sich von meinen Gehirnströmen. Sie wollen mit meinen Gehirnströmen die unterirdischen Krankenhäuser füllen. Ich denke an Platon und meine Erektion läßt nach. Ich weiß, ich werde beobachtet durch die Kamera. Dahinter sitzen sie. Wenn der Arzt kommen sollte, ist es nicht sein Triumph, mich so zu sehen und zu filmen.

In der Unterwelt leben sie, um die Macht zu übernehmen. Ich habe sie als einziger erkannt, und deshalb bin ich derjenige, dessen Ströme gesammelt werden. Ich werde abgeholt und verschleppt. Tagsüber bin ich frei, "damit es nicht auffällt". Ich gebe diese Botschaft niemandem weiter. Ich forsche und stoße an die Grenze, die sie für mich errichtet haben, die Falle. Die Idee ist in allen Büchern, überall. Sie haben sie für mich dort eingetragen, damit ich "verrückt werde".

Unsere einzige Freude: Ich wollte mechanischen Sex mit ihr haben. Sie verstand es, sie erbat es. Ich habe sie niemals umgebracht. Ich wollte in ihre Starre eindringen. Sie erbat meinen Willen. Sie las ihn von mir. Sie konnte mein gefrorenes Sperma nicht schlucken. Ich war auch starr. So öffnete ich sie mit dem Schweizermesser wie eine Dose. Doch sie wollte mein gefrorenes Sperma immer noch nicht schlucken. Sie lachte nur wie gekitzelt. Ich schnitt schneller, kälter, härter in das Material. Ich wollte sie entkinden, diese Laus. Sie hatte einen Floh unter ihrem Pelz. Es war die schönste Abtreibung aller Zeiten, vollkommen in ihrer Mechanik, ein Konzert.

Nietzsche - mein Lieblingsphilosoph. Ich habe ihn gelesen. Was mich erregt: Er ist starr, wie alles in einem Fiebertraum, den ich habe. Starr, aber auch nachgiebig. Es gibt keinen Stoff, der so ist, außer Leichen. Er erinnert mich an meinen Traum. Desweiteren: der Aufschub der Zeit, das Absehbare, was einfach nicht eintreten will, die ewige Verzögerung. Die Verzögerung gesteigert, ergibt den absoluten Orgasmus, unaufhaltsam in seinem Ende, wenn man weiß, er muß endlich doch, ja doch, irgendwann, endlich VOLLKOMMEN eintreten. Der absolute Orgasmus ist auch der Tod. Er ist ein Zeichen und ein Spiel, wie alles. Ich war vollkommen, bis sie kam und ein Philosoph.

Als ich sie aufschnitt, glänzt mir die Wahrheit. Ich sehe in die Sonne und verbrenne mir das Auge, dort wo es am schärfsten ist. Jetzt sehe ich die Metapher für die Wirklichkeit und den Traum, ununterscheidbar: Es sind SIEBEN PILZE IM INNEREN EINER GUMMIGAZELLE, DIE MITEINANDER ZAUBERWÜRFEL SPIELEN. Sie wachsen auf ihr. Sie ist grün. Auf der anderen Seite des Flusses spricht der elektrische Frosch unter meinen Schuh mit meiner verstellten Stimme und winkt mir zu. Er zwingt mich, den Mund zu bewegen zu seinen Worten. Er zwingt mich, sie zu schlagen. Er tut es durch mich, durch seinen Befehl, den ich im selben Augenblick seiner Gedanken ausführe. Er ist nur, weil ich bin. Wir sind, weil wir nicht sind. Wir sind, weil etwas uns gleichzeitg denkt, etwas, was wir auch sind. Mir scheinen die Tomaten beim Essen so übergroß. Ich versuche in sie einzudringen. Sie verlangen es, weil ich auch sie bin. Das ist alles.

 

 


 

Wandler, Zeitschrift für Literatur, Heft 20

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