Wandler Zeitschrift für Literatur Logo No 16

 

Dieter Lohr

Ein besonderer Tag im Leben Franckes (Fortsetzung)

Auf der Fahrt zum Park wurde Francke, der scheinbar tatsächlich so wenig zu wissen schien, wie zu wissen er den Eindruck erweckte, erklärt, daß man gerade in Verhandlungen mit einer ausländischen Gesellschaft gestanden habe, das bereits erwähnte Material gegen eine vorab festgelegte Geldsumme einzutauschen, als Charlie, ein ehemaliger Mitarbeiter, besagtes Material eigenständig, regelwidrig und illegitimerweise, wie mehrmals betont wurde, entwendet habe, das man nun wiederhaben wolle, um die Geschäftsbeziehungen zur ausländischen Gesellschaft nicht unnötig zu belasten, und eine erneute Übergabe zu den gleichen Bedingungen festzulegen. Um die eigene Verhandlungsbasis dabei nicht allzu sehr über Gebühr das Haushaltsbudget hinaus zu belasten, habe man versucht, sowohl Material als auch Geld von Charlie zurückzuerhalten, zugegebenermaßen unter Zuhilfenahme ähnlicher Geschäftspraktiken, wie Charlie selbst sie eingeführt habe, da es so aus dem Wald zurückschalle, wie hineingerufen werde, sei dabei auch wohl auf das Geld, nicht aber auf das Material, sondern statt dessen auf Franckes Aktenkoffer gestoßen, was weiterhin einerseits zwar noch etwas unerklärlich, andererseits beim gegenwärtigen Stand der Dinge von nicht allzu ausschlaggebender Bedeutung sei, da Francke ja später immer noch alles aufklären könne, wenn er statt dessen das Material wiedergebracht habe, das er momentan wiederzubringen im Begriff sei. Da Charlie nach wie vor, und wie er bei der vormittäglichen erneuten Geldentwendung erneut hinlänglich unter Beweis gestellt habe, kein seriöser Geschäftspartner sei, von dem man nach überstandener Transaktion im übrigen Abstand halten wolle, müsse Francke auf der Hut sein. Vorerst wurde ihm, da der alte Geldkoffer derzeit wieder in Charlies Besitz übergegangen sei, ein neuer zur Verfügung gestellt, den er einfach bei dem Unterhändler, den er in Kürze im Park treffen werde, gegen den Koffer mit dem Material eintauschen, den er übrigens gleich an Ort und Stelle auf seinen Inhalt hin überprüfen und sich auch die Instruktionen, die ihm der Unterhändler mitzuteilen habe, so gut einprägen solle, daß er sie später wortgetreu wiedergeben könne. Weiterhin wurde Francke ein Trenchcoat mit einer Blüte im obersten Knopfloch, ein Hut, sowie eine neue Schachtel Zigaretten zur Verfügung gestellt.

Was Francke nicht mitgeteilt wurde, da einerseits die Zeit drängte und man gerade beim Park vorfuhr, da man es ihm andererseits auch später noch würde mitteilen können, wenn er es bis dahin nicht schon selbst herausgefunden haben sollte, waren die Tatsachen, daß unsaubere Geschäftspraktiken an der Tagesordnung und keineswegs von Charlie erfunden worden seien, und daß weiterhin nur die wenigsten und verschlagensten Kofferübergeber ihre erste Kofferübergabe unbeschadet, wenn überhaupt überlebten, da eine der beteiligten Parteien sich meist ein empfindliches, oftmals ruinöses Minusgeschäft einhandle, und da die Rollen der Plus- und Minusgeschäftsträger vor der Übergabe meist nicht eindeutig festgelegt seien, sei eine der beteiligten Parteien nach der Übergabe meist enttäuscht genug, um ihrem Kummer am nächstbesten greifbaren Geschäftspartner, in den meisten Fällen dem Kofferüberbringer, von dem man zumindest wußte, wie er aussah, drastischen Ausdruck zu verleihen. Der Kofferträger der Partei, zu deren Gunsten der Geschäftsabschluß zustande gekommen sei, werde als Zeuge unseriöser Machenschaften und Träger unseriöser Informationen zumeist als Risiko- und somit Störfaktor angesehen, und erleide ein ähnliches Schicksal.

Der Mann trug einen weißen Trenchcoat, einen schwarzen Hut mit breiter Krempe, eine Fliederblüte im obersten Mantelknopfloch und einen Aktenkoffer. Er betrat den Park eine halbe Minute nach Francke, sah sich wie beiläufig um, schlenderte dann wie zufällig auf Franckes Bank zu, setzte sich neben ihn und steckte sich eine Zigarette an; die Zigarettenschachtel plazierte er zwischen sich und Francke auf der Bank, den Koffer direkt neben Franckes Koffer. Er nahm ein paar Züge an der Zigarette, summte ein wenig vor sich hin, schien sich an irgend etwas zu erinnern, das er vergessen hatte, griff also nach dem Koffer und wühlte ein wenig darin herum. Tatsächlich: der Koffer war voller Geldscheine.

Auch Francke summte ein wenig vor sich hin, schien sich an irgend etwas zu erinnern, das er vergessen hatte, und griff nach dem anderen Koffer, nicht nur um seinen Auftrag auftragsgemäß auszuführen, sondern auch um seine Neugierde zu befriedigen und endlich zu erfahren, um welch dubioses Material es sich eigentlich handelte, das so viel Geld wert sein mochte. Die Enttäuschung war groß: Der Koffer enthielt weiter nichts als eine unförmige Masse, aus der ein paar Drähte zu einer elektronischen Platine und einer Radiobatterie führten, sowie eine Leuchtdiodenanzeige, die im Sekundentakt, ausgehend von 200 mit dem Öffnen des Kofferdeckels, abwärts zählte. Francke war kein Fachmann auf kriminalistischem Gebiet, hatte aber doch genug Fernsehkrimis gesehen, um zu wissen, daß hier irgend etwas anders war als es sein sollte.

"Also, jetzt mach den Koffer wieder zu und schau nicht ganz so belämmert" meldete sich sein Banknachbar zu Wort. "In ungefähr drei Minuten, fliegt dir der Koffer um die Ohren. Bis dahin solltest du ihn in den Wagen zu deinen Leuten getragen haben, und wenn dir an deinem Leben etwas liegt, auch wieder aus dem Wagen ausgestiegen sein. Für den Fall, daß du irgend etwas anderes machen solltest, sind deine Freunde sicherlich bewaffnet, ich übrigens auch. Überleg's dir gut."

Der Mann trat seine Zigarette aus, erhob sich und schlenderte summend davon.

Hätte Francke Zeit gehabt, gut zu überlegen, wären ihm sicherlich noch weitere als die von dem Unterhändler vorgeschlagenen Alternativen eingefallen - aber er hatte keine. Er erlag der Versuchung nicht, den Koffer erneut zu öffnen, um nachzusehen, wieviel Zeit genau er noch habe, bedauerte, keine Zigarette zum Austreten zu haben, erhob sich und schlenderte etwas verkrampft auf den Wagen zu.

"Alles klar?" begrüßte ihn der Ganove auf dem Beifahrersitz, als Francke Platz genommen und die Türe geschlossen hatte. "Alles klar" murmelte Francke. "Oh, ich habe meine Zigaretten vergessen."

"Laß die Zigaretten Zigaretten sein" kicherte der zweite Ganove, indem er anfuhr, "wir kaufen dir neue."

"Ich muß Pipi." Francke kam sich, obwohl er nur die Wahrheit gesagt hatte, etwas einfältig vor, und offensichtlich auch den beiden Ganoven, die ihm plötzlich äußerst mißtrauisch durch den Rückspiegel beobachteten.

Glücklicherweise schaltete gerade eine Ampel auf rot, und ohne weitere Erklärungen abzugeben, machte sich Francke an der Tür zu schaffen. Der Unterhändler mit dem Trenchcoat und dem breitkrempigen Hut, wohl wissend, daß nur die wenigsten und verschlagensten Kofferübergeber ihre erste Kofferübergabe unbeschadet, wenn überhaupt überlebten, hatte sofort erkannt, daß Francke kein Fachmann auf kriminalistischem Gebiet war, und war weiterhin richtig in der Annahme gegangen, daß Francke wie so viele Kofferübergeber bei ihrer ersten Kofferübergabe, die als Zeugen unseriöser Machenschaften und Träger unseriöser Informationen gerne als Risiko- und somit Störfaktoren angesehen werden, den einfachen Trick mit der Kindersitzverriegelung nicht kannte.

Auf Franckes verzweifeltes und heftiges Türenrütteln hin drehten sich die beiden Ganoven gänzlich zu ihm um, übersahen daher, daß die Ampel von rot auf grün zurückschaltete, fuhren daher nicht sofort weiter, was von den hinter ihnen stehenden Wagen augenblicklich mit einem Hupkonzert honoriert wurde, was einen eifrigen Polizisten, der offensichtlich noch nie befördert worden war, veranlaßte, sich dem Wagen zu nähern und auf Franckes verzweifeltes und heftiges Türenrütteln aufmerksam zu werden.

"Was gibt's denn?" Der Polizist öffnete Franckes Tür, der augenblicklich, 'Pipi' jammernd, aus dem Wageninneren stürzte, den verdutzten Polizisten anrempelte und an diesem vorbei hinter der nächsten Litfaßsäule verschwand und sich dort zusammenkauerte. Die beiden Ganoven, der Polizist, sowie der aus Leibeskräften hupende Fahrer des nächsten Wagens vor der Ampel, die mittlerweile wieder auf rot schaltete, hatten nicht so schnell reagiert.

"Gut gemacht, junger Freund." Im allgemeinen aufgeregten Durcheinander war Francke am Ärmel gefaßt worden und hatte sich, benommen noch von dem Schlag der Detonation, durch die sich hektisch formierende Menschenansammlung eine Straßenecke weiter und auf den Beifahrersitz eines dort geparkten schwarzen Wagens zerren lassen.

"Massimo braucht das Material noch vor morgen Mittag, und zwar ganz offenbar noch dringender, als ich vermutet hatte. Er hat nun insgesamt schon den dritten Geldkoffer dafür ausgegeben, ohne rabiat zu werden, und das ist in der Regel nicht seine Art. Er wird wohl noch einen Koffer berappen müssen."

Damit griff der Mann grinsend zum Autotelefon und wählte eine Nummer:

"Ja, Massimo - da scheint wieder mal was schief gelaufen zu sein - ah, du hast noch nicht davon gehört - paß auf, ich würde sagen - nein, Massimo, nichts ernstes - also: Wir machen keine Spielchen mehr. Du bringst noch einen Koffer vorbei, diesmal selbst - jaja, natürlich - sicherlich, ich bringe das Material - nein, keine Spielchen mehr - den Unterhändler kennst du bereits, keine Sorge - bis in einer halben Stunde also - ja, Massimo, sicher."

Francke hielt verzweifelt nach roten Ampeln Ausschau, fand aber keine, da der Wagen mittlerweile auf offener Landstraße und viel zu schnell fuhr, um das Aussteigen während der Fahrt für einen Ungeübten zu ermöglichen.

"Das Gleiche wie gerade eben, du kennst das Spielchen bereits; nur daß diesmal der Sprengstoff nicht erst nach zwei-, sondern schon nach einhundert Sekunden explodiert, du mußt dich also etwas beeilen. Ach übrigens: Ich heiße Charlie, und du?"

Der Rest der Fahrt ging mit Mahnungen, was geschehen würde, falls Francke sich weigern sollte, mit Charlie zusammenzuarbeiten, sowie Versicherungen, was geschehen würde, wenn Francke die ihm übertragene Aufgabe gewissenhaft und zufriedenstellend ausführe, schnell vorbei, und noch ehe Francke Gelegenheit hatte, eventuell vorzubringende Gegenvorschläge hieb- und stichfest mit eventuell vorzubringenden Argumenten zu belegen, setzte er sich wieder auf seine gewohnte Parkbank, stellte den Koffer vor sich auf den Boden und zündete sich eine Zigarette an.

Nicht lange nach ihm betrat ein Herr den Park, den Francke an den massigen Fingern wiedererkannte, und der es offensichtlich nicht gewohnt war, sich wie beiläufig umzusehen und wie zufällig auf Männer mit Mänteln, Hüten, Fliederblüten im obersten Knopfloch und Aktenkoffern zuzuschlendern. Er stürmte auf Francke zu, setzte sich eilig neben ihn und stieß beim Abstellen des Koffers den Nachbarkoffer an, der bedrohlich zu wanken begann und umzufallen drohte.

"Hast du das Material dabei?"

Francke griff nach dem Koffer, warf einen bedeutungsvollen Blick hinein, schloß den Koffer wieder, zog den Hut tiefer ins Gesicht, nahm einen tiefen Zug an der Zigarette, erhob sich und trat die Zigarette aus.

"Charlie hat das Zeug bereits heute vormittag anderweitig verscherbelt."

Wie vom Schlag getroffen blieb Massimo auf der Parkbank sitzen und starrte ins Leere, während Francke davonschlenderte, leise die Zahlenreihe ab einhundert abwärts summte, bei 'zehn' Charlies Wagen erreichte, diesem bei 'acht' durch das geöffnete Seitenfenster hindurch den Koffer kräftig und betäubend gegen den Unterkiefer stieß, es gerade noch bis hinter die nächste Litfaßsäule schaffte, am nächsten Morgen Trenchcoat und Hut nicht mehr anzog, und zur Arbeit ging.